Hallo Jennifer,
„Experten in Lebensfragen“, das klingt gut!
Dankeschön
Aber jetzt mal frisch gebauchpinselt zu Deiner Frage:
Du schreibst einerseits „... wenn ich nicht möchte, dass er mich so behandelt“, und andererseits „ich möchte ihn nicht ändern“.
Das widerspricht sich da ein klitzekleines Bisschen! Und führt natürlich dann zu einem kleinen Konflikt.
Die Synthese dieser beiden Absichten ist möglicherweise Dein versteckter Anspruch, sich gegenseitig so zu lieben, wie man ist!
Ist ja ohne Frage lieb gemeint, aber trotzdem hätte ich dazu mal ein paar Fragen:
Wenn man als Mutter sein Kind, das wegen Mathe kurz vorm Durchfallen ist, davon überzeugen möchte, mal wieder die Mathe-Hausaufgaben zu machen, obwohl es lieber spielen möchte: Liebt sie ihr Kind dann nicht mehr? (Vielleicht ja sogar sehr!)
Oder wenn man einer Freundin sagt, welche Verhaltensweise sie optimieren könnte, weil sie damit schon bei allen Freunden aneckt: Heißt das, dass man sie dann nicht mehr als Freundin mag? (Wohl kaum.)
Mit anderen Worten: Auch wenn man jemanden mag oder gar liebt, möchte man ihn noch beeinflussen!
Aber mal umgekehrt gefragt:
Würde man auch ein Kind zu Hausaufgaben ermahnen, das man nicht kennt?
Oder würde man sich in das Verhalten von jemandem einmischen, der einem egal ist? Eher weniger.
Und das bedeutet dann also: Je wichtiger einem etwas oder jemand ist, desto größer der Drang, Einfluss auszuüben!
Aber warum ist das so, obwohl man seine Liebsten doch eh schon mag?
Ganz einfach: Weil Liebe und der Drang zu beeinflussen getrennte Gefühle sind! Die können natürlich gleichzeitig auftreten.
Bei Dir ist es ja auch so, dass Du mit wütenden oder verletzten Gefühlen auf ihn einwirken möchtest, obwohl Du mit Deinem Freund zusammen bleiben möchtest und ihn liebst. Diese starken Gefühle hast Du ja eigentlich nur, weil er Dir wichtig ist. Das eine Gefühl schließt das andere also nicht aus. Sie sind einfach gleichzeitig.
Der beschriebene Drang nach Einfluss auf andere und unsere Umwelt (ich rede hier vom Macht-Motiv, wie Du vielleicht schon gemerkt hast) ist immer vorhanden. Immerhin haben wir diesem wichtigen Grundmotiv unsere Zivilisation zu verdanken!
Deshalb lässt sich dieses Motiv nicht abschalten, bei uns selbst nicht und auch nicht bei anderen. Es liegt in unserer Natur. Zum Glück! Denn die Folge wäre ja sonst, dass uns alles egal wäre, weil es uns ja auch so schon gut geht...
Mit anderen Worten:
In jeder Beziehung, die ich kenne, versuchen sich die Partner gegenseitig zu beeinflussen, und das ist auch völlig in Ordnung. Das kann ja sehr positiv sein.
Man braucht aber keinen Rudelkampf daraus zu machen! (Dein Verletzt- fühlen oder Deine Wut hat ja den Sinn, Deinem Freund dahingehend zu beeinflussen, dass er das nicht wieder macht.)
Deinem Freund beibringen zu wollen, das Macht-Motiv abzuschalten (was ja zum Glück nicht geht), oder gegen sein Verhalten anzukämpfen, wäre ja auch schon Rudelkampf.
Da gibt es elegantere Wege.
Wie Du selbst ja schon sagst, Du möchtest Dich auch in solchen Momenten glücklich fühlen, in denen Dein Freund sich anders verhält, als Du das vielleicht tun würdest. Das ist natürlich ein besseres Ziel. Und ganz leicht zu erreichen:
Fühl Dich einfach trotzdem geliebt! Dann schaut nämlich die Sache gleich ganz anders aus.
Denn wie wir schon festgestellt haben, ist seine Liebe ja unabhängig von seinen Manipulations-Versuchen immer noch vorhanden. Im Gegenteil: Wenn Du ihm nicht so wichtig wärest, würde er erst gar nicht versuchen, Dich „umzuerziehen“!
Solange er also Einfluss auf Dich ausüben möchte, ist Eure Beziehung völlig in Ordnung. Sorgen würde ich mir ja erst dann wieder machen, wenn Du Ihm egal geworden wärest!
Aber was sind denn alles Hinweise darauf, dass er Dich weiterhin liebt und mit Dir zusammen bleiben möchte?
- Daran, dass ihm das jeweilige Thema wichtig ist, das ist schon mal auffallend.
- Und daran, dass Dein Freund vielleicht gerade mal eine (!) Deiner vielen tausend Verhaltensweisen oder Eigenschaften ablehnt, aber nicht Dich als Mensch! Denn als Partnerin bist Du ja offensichtlich erwünscht..
- Vielleicht auch daran, dass er möchte, dass Du Dich in Zukunft (!) anders verhältst. Das ist ein versteckter Antrag! (Auf eine gemeinsame nächste Zukunft.) Überhaupt ist das immer ein Liebes-Beweis, wenn er sich um Eure Zukunft Sorgen macht...
- Oder daran, dass er nach jeder Diskussion immer noch mit Dir zusammen bleiben wollte.
- Auch mal daran, dass ihm bestimmte Verhaltensweisen von Dir Stress oder sogar Angst machen. Denn wenn er nicht mit Dir zusammen bleiben möchte, wäre es ihm doch egal...
- Und vor allem daran, dass er sich so in Dich verliebt hat, wie Du bist!
Na, das ist doch schon eine Menge, um sich sogar dann noch geliebt zu fühlen, wenn man mal kritisiert wird!
Und wenn Du Dich also geliebt fühlen kannst und weißt, dass die Beziehung gesichert ist, wie möchtest Du dann gerne mit Kritik umgehen?
Erstmal im guten Gefühl bleiben, das ist klar! Und dann?
Jetzt hast Du natürlich viele Möglichkeiten, und je nach Situation wird vielleicht eine davon oder auch eine ganz andere angemessen sein.
Du könntest z.B. berechtigte Kritik annehmen und Dich vielleicht sogar für den Hinweis bedanken.
Oder Du könntest auch bei Deiner Meinung bleiben und erklären, warum Du so denkst.
Oder Du versuchst, Deinen Freund von Deinem Standpunkt zu überzeugen. Dafür gibt es ja viele Möglichkeiten auch aus guten Gefühlen heraus. Wie etwa erklären; an Beispielen aufzeigen, was Du meinst; auf ihn eingehen, um seine Absichten besser zu verstehen, und dann gemeinsam nach Lösungen suchen...
Du siehst, es ist eigentlich leicht möglich, im guten Gefühl zu bleiben und gleichzeitig nach einer Lösung zu suchen, oder auch zu seinen Grenzen zu stehen, vielleicht sogar mal seinen guten Einfluss auszuüben.
Und es ist letztlich auch einfach, dabei liebevoll und klar zu bleiben.
(- Außer, man vergisst mal kurz, sich geliebt zu fühlen! Aber das kommt selbst in den besten Familien manchmal vor...)
Wenn Du Dich einfach weiter geliebt fühlst bzw. siehst, dass Eure Beziehung ausreichend gesichert ist, dann ist es auch leicht, Deinen Standpunkt auf positive Weise zu vertreten. Du bist ja die Frau, in die er sich verliebt hat! Da darf man auch mal unterschiedlicher Meinung sein. Deshalb kann man immer noch ein harmonisches Paar sein, das sich in vielen Dingen ähnlich ist, und in anderen halt eher ergänzt. Hauptsache glücklich miteinander!
Mit der Einstellung ist es sicher leichter, mit dem Verhalten Deines Freundes gut umgehen zu können.
Also, liebe Jennifer, mit dieser Sichtweise dürfte es Dir leicht fallen, das Thema nach und nach umzusetzen.
Und keinen Stress, wenn’s nicht immer gleich klappt. Bei solchen Themen braucht es manchmal ein wenig Übung...
Das Wichtigste ist doch, es entwickelt sich in die richtige Richtung und man genießt so viele Glücksmomente wie möglich!
Alles Liebe,
Stefan