Gerechtigkeitssinn und Machtspielchen

 
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BeitragVerfasst am: Mi Okt 27, 2004 16:11
   Titel: Gerechtigkeitssinn und Machtspielchen


    

Hallo liebes Ella-Team

Es gibt gewisse Sachen, die meinen Gerechtikeitssinn auf die Palme bringen. So kann ich mich zum Beispiel ziemlich

aufregen, wenn sich jemand in einer Schlange nach vorne drängelt oder auf der Autobahn rechts überholt.

Mir ist nicht ganz klar, welches Grundmotiv sich da verletzt fühlt. Geht es dabei um "Macht" oder eher um ein Problem

mit dem "Erwünschtsein", weil ich das Gefühl habe die andere Person missachtet mich? Vielleicht habt ihr mir ja einen

Tipp, wie ich mich in Zukunft in solchen Situationen weniger aufrege.

Ich hätte auch noch eine Frage zur "Macht". Um was geht es beim Grundmotiv Macht genau?

Ist mein Grundmotiv erfüllt, wenn ich Macht ausüben kann und ich mich dadurch wohl fühle oder ist mein Grundmotiv erfüllt,

wenn andere "keine" Macht auf mich ausüben, da ich mich sonst unterdrückt fühle? Bei allen anderen Grundmotiven

ist mir klar, dass diese jederzeit erfüllt sind. Beim Thema Macht habe ich da aber so meine Probleme, da mir einfach nicht

ganz klar ist, um was es geht.

Jetzt bin ich mal bespannt, ob ihr meinen Knoten beim Thema "Macht" lösen könnt Wink

Gruss

Thomas

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BeitragVerfasst am: Mi Okt 27, 2004 16:15
   Titel: Gerechtigkeitssinn und Machtspielchen


    

Lieber Thomas,

Das, was Du beschreibst, würde ich eher als „Passen“- Thema einordnen. Denn Du reagierst ja darauf, dass Dir „etwas nicht passt!“ Du machst die Drängler auf der Autobahn (un)bewusst „unpassend“, um sie mit Deiner Ablehnung dazu zu bringen, ihr Verhalten zu ändern. Sonst haben sie in Deinem Rudel nichts zu suchen!

Ablehnung hatte ja in der Urzeit auch den Zweck, dass man sich lieber um ein passenderes Rudel kümmert, damit man mehr Chancen zum Überleben hat.

Die Ablehnung kann also den Sinn haben, dass Du lieber gehst. Oder dass der andere sich ändert, und Du bleiben kannst.

(Mal ehrlich, wer alles kennt dieses Spiel nicht auch aus seinem Alltag, z.B. in seiner Beziehung?)

Viele Menschen reagieren auf „Ungerechtigkeit“ mit Ablehnung in unterschiedlichster Form. Oder verteidigen „Ihr Recht“.

Ich meine hier die bekannten Manipulations-Maßnahmen wie Beleidigt- Sein, Wut, Drohgebärden, manipulatives Leiden („Du hast mich so verletzt!“), Unnahbarkeit, oder all die Verhaltensweisen, mit denen man Menschen dazu bringen will, dass sie endlich tun, was man von ihnen erwartet, ob sie wollen oder nicht!

Dieses Verhalten, andere Menschen durch Ablehnung erziehen zu wollen, haben wir alle irgendwie drauf. Und jeder ist mit einer anderen Variante Weltmeister!

Wir wurden ja schließlich selbst einmal mit Zuneigung und Ablehnung erzogen, und haben dabei erlebt, dass es funktioniert. Später haben wir solche Taktiken selbst mit Erfolg angewendet. Leider zeigen wir dieses Verhalten auch oft ohne Sinn und Verstand, wenn wir nicht hinterfragen, wozu wir das gerade tun. Z.B., wenn wir auf den Computer wütend sind, weil er im falschen Moment abstürzt! Das soll er nicht noch einmal wagen!

Oder wenn uns jemand auf der Autobahn rechts überholt, wie Du es beschreibst. Das tut der nicht noch einmal! Sonst mag ich ihn nicht mehr. Und verbanne ihn aus meinem Rudel! Denn wer die Regeln nicht einhält, ist ja für das ganze Rudel eine Gefahr....

Da steckt also eine Absicht dahinter: Derjenige soll sich ändern.

Diese Manipulations-Absicht macht aber nicht immer Sinn!

Den Rechts- Überholer auf der Autobahn, den wir vielleicht gerade erziehen wollten, den sehen wir ja sowieso nie wieder! Das ist also diese schlechten Gefühle nicht wert! Und beim Computer ist das Blöde, dass er keine Angst vor Ablehnung hat und sich deshalb leider nicht ändert. (Ich weiß, einige Computer-Freaks widersprechen mir hier aus Prinzip und behaupten, Computer sind lebendig, und man muss einfach so mit ihnen umgehen!) Hier bringt es also auch nichts.

Aber da wir viele Werte unserer Eltern, Lehrer, Gurus, aus Büchern und von sonstigen Autoritäten übernommen haben, gibt es viele Verhaltensweisen anderer Menschen, die wir verurteilen. Das tut man halt nicht! Und dann fahren wir unser effektivstes Ablehnungs-Programm hoch.

Andere Menschen würden z.B. nicht „auf die Palme gebracht werden“, sondern wehmütig leidend reagieren in der gleichen Situation. Oder beleidigt! Je nachdem, von welcher Taktik sie sich den größten Erfolg versprechen.

Es kann also sein, dass wir diese Verhaltens-Maßnahmen hochfahren, wenn wir das Grundmotiv „Passen“ in Gefahr sehen. Was nicht passt, wird passend gemacht! Leider ein beliebtes Verhalten vor allem in Beziehungen...

Aber auch sonst, wenn wir ein anderes Grundmotiv in Gefahr sehen, packen wir oft unsere Manipulations-Methoden aus: Z.B. wenn man Existenz-Angst hat, und der Chef kritisiert einen. Der gehört abgelehnt! Davon wird unser Verhältnis bestimmt auch nicht besser... (Und am wichtigsten: Der Chef soll es nicht noch einmal wagen, mich zu kritisieren! Schließlich will ich ja nicht wegen dem meinen Job in Gefahr sehen...)

Du siehst also, Thomas, dieses manipulative Verhalten kann mit jedem Grundmotiv zu tun haben.

Oder aber, und so ist das oft, es ist einfach sinnlos! (Siehe Computer u. Co.)

Auch dann, wenn wir einfach bestimmte Werte-Systeme verteidigen, die wir ungefragt übernommen haben. Denn wer dagegen verstößt, gehört abgelehnt! Aus dem Rudel verbannt...

Also hier kannst Du Deinen Gerechtigkeitssinn meistens einordnen, vor allem dann, wenn Dir auch gefühlsmäßig klar ist, dass gerade alle Deine Grundmotive erfüllt sind.

Es ist meist sinnlos, sich aufzuregen.

Hat man das einmal verstanden, ist es leicht, gelassener zu reagieren. Und vielleicht auch ab und zu über sich selbst zu lachen.

Also Thomas, um kurz Überblick in das Geschriebene zu bringen:

Manipulations- Maßnahmen sind einfach erlernte und trainierte Verhaltensweisen, mit denen man etwas erreichen möchte. Zum Beispiel ein bestimmtes Grundmotiv erfüllen oder absichern! Das kann dann prinzipiell jedes Grundmotiv sein. Aber das lässt sich ja leicht lösen, wenn man sich bewusst macht, dass alle Grundmotive erfüllt sind.

Oder diese Verhaltensweisen sind einfach eine Gewohnheit, ein Automatismus, der gar keinen Sinn mehr macht und deshalb leicht um entschieden werden kann. (Wie beim Computer.)

Oder man glaubt, das gehört sich so! Dann sind bestimmte Werte in Gefahr, die einmal dazu da waren, Deine Grundmotive abzusichern. Etwa, wenn man als Kind seinen Teller immer leer gegessen hat und deshalb glaubt, alle anderen müssten das auch tun! Aber heute wissen wir ja, dass unsere Grundmotive sowieso abgesichert sind, deshalb haben solche Werte keine zwingende Notwendigkeit mehr. Also kann man sich ein angemesseneres Verhalten überlegen.

Das Grundmotiv „Macht“ ist dagegen kein Verhalten, sondern ein Motiv, das ein Verhalten bestimmen oder nach sich ziehen kann.

Bei dem Thema „Macht“ geht es vor allem darum, dass man Einfluss auf das Rudel/die Gesellschaft/ den Partner haben möchte, auch wenn alle anderen Grundmotive erfüllt sind. Es geht nur darum, dass man ETWAS tun kann. Es ist ausreichend, wenn man z.B. seine Meinung sagen kann und damit die Chance hat, andere überzeugen zu können. Oder dass man andere für seine tollen Ideen begeistern kann. Das sind auch alles Macht-Ausübungen!

Es ist aber nicht notwendig, dass alle Menschen einem gehorchen oder tun, was man will. Oder dass etwas unbedingt erreicht werden muss! Bei solchen Wünschen stecken noch andere Grundmotive dahinter.

Für ein Gefühl von Macht ist es ausreichend, DASS man etwas tun kann, ganz unabhängig davon, ob es erfolgreich sein wird. Das Gegenteil von Machtlosigkeit also.

Dieses Motiv ist leicht zu befriedigen, denn irgendetwas kann man meistens tun. Und oft hat man sogar sehr viele Möglichkeiten!

Ich hoffe, dass der Knoten jetzt etwas gelockert ist! Oder gelöst?

Auf jeden Fall wünsche ich Dir viel Spaß beim Genießen der Gelassenheit!

Alles Liebe,

Stefan

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